Christel Spindler,                                                          Schriftstellerin,                                                 Bonn - Bad Godesberg

D e r   B l i c k   f ü r   d a s   B e s o n d e r e

Ich bin Christel Spindler, in Lübtheen/Mecklenburg geboren, lebe ich nach geisteswissenschaftlichem Studium in Essen und Lehrtätigkeit in München, Frankfurt und Bonn als selbstständige Schriftstellerin in Bad Godesberg. Ich schrieb Theaterstücke und Essays zu politischen und philosophischen Fragen. Erschienen sind von mir außerdem ein Gedichtband - einige Gedichte daraus wurden in namhafte Anthologien aufgenommen - und Kurzgeschichten, die von der Kritik positiv rezensiert wurden. Der im KID Verlag, Bonn erschienene Sammelband "Schattenzeit" enthält meinen Beitrag zum Bad Godesberger Literaturwettbewerb 2014. Ich bin zu erreichen über: spindlergodesburg@t-online.de

Geschichte "Bewahren"

BEWAHREN

 

TOKIO - FRANKFURT

 

Geräusche strömen durch meinen Kopf.

 

Stimmen vermischen sich mit klapperndem Geschirr.

 

Das gleichmäßige Motorengeräusch liegt tiefer in der Skala als die aufkreischende Kaffeemaschine.

 

Ich nehme die Ohrenstöpsel heraus, es nützt nichts, sie bewahren nicht die Klänge der letzten Tage. Manchmal denke ich, die Härchen auf meinem Körper sind winzige Antennen, die immerfort senden, alles, was geschieht. Senden an einen Kopf, der nicht auf Empfang eingestellt ist, der abgeschottet sein muss, um zu ordnen. Ich kann nicht festhalten, was ich so gerne bewahren möchte, das Erlebte der letzten Tage, den Duft von Schnee und gleichzeitigen Blütenduft.

 

Den Blick auf den wunderbaren Berg, der ein Vulkan ist, ebenmäßig schön zum Verlieben, wie der Kopf der Nofretete. Ich möchte die Erinnerung einpacken, bewahren, bedenken, wenden, drehen und, ganz großes Glück, bespiegeln und erweitern im Gespräch. Habe Angst, meine Nerven spielen mir einen Streich, sind ganz irritiert vom dauernden Empfang der neuen alltäglichen Dinge, lassen mir die Gesichter der letzten Tage verschwimmen, die Hausdächer verzerren, die Blüten in andere Situationen transportieren. Die Freude, das Buch verschenkt zu haben, ist noch nicht fertig eingepackt in mein Shonan-Village-Paket, der Pazifik in seinem Blau bei Kamakura nicht fest verankert in dem schwachenErdkompass, den ich habe. Die Warnungen vor den möglichen Katastrophen vermengen sich noch mit den gerade geschehenen. Der große, verschonte Buddha und die Toten auf em Friedhof, der friedvoller war als alles in der Art, was mir bisher geschehen ist, der Platz, an dem nichts anderes war, an dem ich mich um Verstehen nicht mühen musste, das alles möchte ich durch mich hindurch strömen lassen. Ich öffne mich den ankommenden Wellen, dem Mitleid mit denen, die den Tsunami erlebt haben, auch wenn sie überlebt haben; der alten Straße, den kleinen Tempeln, die Erinnerung an die liebevolle Anordnung von Dingen, den Bäumen in ihrer Form, von denen ich nicht weiß, ob Menschen ihnen dazu verholfen haben. Den köstlichen Geschmack des Essens möchte ich bewahren, und auch die Neugier, was wäre der spezielle Nachtisch gewesen. Die Neugier, wichtiger als der Genuss, der zu viel gewesen wäre.

 

Das Zucken der Fische will ich einordnen in meine Erinnerungen, weil es da war und meinen Nerven einen Ausdruck geben, wie sie ausschlagen und zittern. Die Wärme will ich festhalten, die Liebe und auch wohl die Tränen, Ausdruck der Überforderung meiner inneren Ordnungssehnsüchte.

 

In dem ich mich öffne, werde ich verletzbar, ich bin erst dabei, mein Paket zu packen. Es ist noch nicht fertig. Ich möchte es unbedingt in allen Einzelheiten bewahren.

 

(aus: "Tangenten")

Roman "Heimsuchung"                                                 Lesung am 6.9.2017 in Lübtheen

Der Roman schlägt einen weiten Bogen von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart. In der mecklenburgischen Familiensaga geht es um Anna und Josef, die sich 1913 kennenlernen. Ein ungleiches Paar. Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, "Drittes Reich" und Zweiter Weltkrieg, DDR und Wiedervereinigung sind die Zeiten, in der die Familie lebt, in der Eltern, Söhne und Töchter, Enkel sich dem Abgrund widersetzen oder auch getreu dem Motto "Der Zweck heiligt die Mittel" über die Runden zu kommen versuchen, Karriere zu machen - oder das, was sie dafür halten. Der Roman erzählt von Fremdheit und den abwehrenden Zusammenhalt gegen Fremde - und was daraus entsteht.

Gedicht "Selbst"                                       Christel Spindler

Selbst

 

Gerade ein Foto

von mir selbst gemacht

 

entspannte Gesichtszüge

fremd und vertraut

 

das Kind in mir

habe ich gesehen

 

das junge Mädchen auch

doch mich nicht erkannt

 

(aus: "Die Menge aller Punkte")

 

 

Gedanken

Schaffe ich es heute, nicht die Wolken, sondern den blauen Himmel zu sehen?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

Lübtheen Lesung mit Gastgeberin Frau Stenzel